Stimmen aus Mandalay

Die Busfahrt von einer alten Hauptstadt, Yangon, in die noch ältere Hauptstadt Mandalay dauerte überraschenderweise nur fantastische 10h. Der Bus war besser als erwartet und als „Willkommensgeschenk“ gab es für jeden eine Flasche Wasser und eine Art Milchbrötchen. Leider hatte das Buspersonal ein sehr gutes Händchen für unseren Schlafrhythmus, denn jedesmal wenn wir gerade kurz vorm Einschlafen waren, hielt der Bus für eine 20-minütige Pause. Trotzdem nutzten wir die nächtlichen Stunden wenigstens für ein paar Stündchen Schlummern und kamen so mehr oder weniger wach um 6 Uhr morgens in Mandalay an.

Am Busbahnhof, der aufgrund seiner Größe eher den Namen „Bus-Stadtteil“ verdient hätte, suchten wir uns mir Jasmine und Ben, unseren französischen Busbekanntschaften, einen Pick-Up und fuhren in Richtung „Downtown“. Die beiden waren etwas durchgeplanter als wir und hatten ihr Hostel schon im Voraus gebucht – keine schlechte Idee, denn während sie gemütlich einchecken und frühstücken konnten irrten wir von Hostel zu Hostel und wurden jedes Mal mit demselben mitleidigen Blick und den Worten „Hotel full, sorry!“ abgewiesen.

Nachdem wir die Hälfte der Lonely Planet Hotels aufgesucht hatten gab uns ein Trishaw-Fahrer (ein Fahrradfahrer, der auf seinem Gefährt 2 weitere Menschen mitnehmen kann ) den heißen Tipp und so landeten wir letztendlich in einem billigen Hostel, dessen Einrichtung und Sauberkeit uns sehr an Indien erinnerte. Und so kam es, dass unser erster Programmpunkt in Mandalay darin bestand, ein Hostel für die nächsten beiden Nächte zu suchen. Gesagt, getan…und dann gingen wir erstmal schlafen.

Als wir wieder erwachten knurrten unsere Mägen und wir ließen uns von unserem Reiseführer in ein chinesisches Restaurant um die Ecke führen wo wir ersteinmal unsere weiteren Pläne überdachten.

Mandalay hat eine Handvoll ineteressanter Sehenswürdigkeiten zu bieten – wenn man bereit ist 10$ pro Person für ein Combo-Ticket an die Regierung zu zahlen.Sowohl der Mandalay-Hill, ein beliebtes Pilger-Ziel für Buddhisten mit atemberaubenden Sonnenuntergängen, wie auch der Royal Palace sind nur mit Combo-Ticket zu betreten. Letzteres ist allerdings auch ohne Unterstützung des Diktators ein fragwürdiges Ziel, denn der Palast wurde erst vor ein paar Jahren wieder aufgebaut – durch Zwangsarbeit.

Da wir zu Beginn unserer Burma-Reise beschlossen, der Regierung nicht mehr Geld als nötig zukommen zu lassen, war für uns sofort klar, dass wir auf das Combo-Ticket verzichten und stattdessen die weniger touristischen Ecken der Stadt erkunden wollten.

Unser erstes Ziel sollte der Jade-Markt sein, wo sowohl Touristen als auch Einheimische hübsche Steine und Figuren aus Jade erstehen können. Manche sind echt, andere sind nicht ganz so echt.

Wir ließen uns von einem Trishaw-Fahrer dorthin fahren. Bisher haben wir alle Arten von Fahrrad-Rickshaws eher gemieden, denn man kommt sich irgendwie seltsam vor wenn man sich so bequem von einem Einheimischen durch die heiße und staubige Luft kutschieren lässt. Es war uns auch diesmal unangenehm, aber wenn man bedenkt, dass der Liter Benzin hier 4 Dollar (!!!) kostet und der Staat natürlich satte Steuern kassiert nimmt man dieses Unbehagen gerne hin. Wenigstens wussten wir so, dass unser Geld direkt in die Tasche einer burmesischen Familie fließt.

Wir schlenderten einmal über den Markt, der nicht ganz so interessant war, wie wir ihn uns vorstellten (wir waren übrigens auch die einzigen Touristen dort) und setzten uns dann an einen Teestand auf die niedlichen Kinder-Plastikhocker. Nach einigen Missverständnissen und viel Gelächter verstand die hübsche Bedienung, was wir bestellen wollten – um genau zu sein kann man dort nur Tee bestellen, aber sie war wohl sehr überrascht, dass ein Tourist tatsächlich ihren Tee trinken will – und brachte uns 2 Tassen mit leckerem Tee.

Die Burmesen trinken ihren Tee ähnlich wie die Inder – mit viel Kondensmilch und Zucker. Es fehlt nur das leckere Chai-Masala.

Nach dieser Stärkung verzichteten wir auf die Trishaw zurück und suchten uns zu Fuß den Weg. Auf halber Strecke blieben wir an einem Stand hängen, der Chapatti-ähnliche Brotfladen aus Blätterteig zusammen mit einem Curry anbietet – auch das musste natürlich von uns probiert werden. Am dazugehörigen Teestand nahmen wir auf den Plastikhöckerchen Platz und schon nach einigen Minuten gesellte sich ein Burmese dazu und während einer Tasse Tee unterhielten wir uns fast 1 Stunde lang mit dem Mann. Er erzählte uns, dass er Geologie studiert hat und jetzt als Taxifahrer und Tour-Guide arbeitet. Sein Studium, klagte er, bringe ihm leider überhaupt nichts, denn er habe dort nichts richtig gelernt, nicht einmal Englisch. Zur Untermalung zeigte er uns sein englisch-burmesisches Wörterbuch und die vielen Grammatikbücher, aus denen er sich selbst Englisch beibrachte.

Ausserdem, sagte er, finde er in Burma mit seinem Studium keine Arbeit und im Ausland würde, wenn er denn ausreisen dürfe, seine Ausbildung nicht anerkannt werden.

Er sagte uns recht deutlich, was er von der Regierung hält und wie viel Schaden sie in der Bevölkerung anrichtet. Wir konnten nicht viel mehr tun als betroffen zuzuhören….

Das Abendprogramm war natürlich auch schon geplant: Die Moustache-Brothers, bestehend aus zwei Brüdern – Par Par Lay und Lu Maw – mit echtem Schnurbart, einem Cousin der beiden – Lu Zaw – mit angeklebtem Schnurbart und einer uns unbekannten Menge weiterer Cousins, Cousinen, Schwestern und Ehefrauen. Angefangen haben sie als traditionelle Tanz- und Schauspielgruppe und mit der Zeit erlangten sie dank ihrer Späße über Land und Regierung nationale Berühmtheit.

So kam es, dass sie 1996 eingeladen wurden, um für Aung San Suu Kyi, die berühmte Nobelpreisträgerin, zu spielen. Nach diesem Auftritt wurden zwei der drei Moustache-Brothers festgenommen und zu 7 Jahren Haft verurteilt – und so erlangten sie rund um den Globus eine traurige Berühmtheit. Dank einer Unterschriftenaktion von Amnesty International wurde ihre Haftzeit auf 5 Jahre verkürzt und die drei waren wieder vereint – seitdem treten sie unerschrocken jeden Abend in ihrem Wohnhaus auf. Einheimischen ist es verboten die Shows zu besuchen und Touristen müssen 10$ Eintritt bezahlen, von denen die Regierung sicher ihren Teil einfordert, aber den drei ist jeder Tourist wichtig und Kameras sind gerne gesehen wenn sie ihre Späßchen über die Regierung machen – denn zum einen erfährt die Außenwelt so mehr über das üble Treiben der Generäle und zum anderen schützt es die Familie vor weiteren Verhaftungen.

Wir genossen den Abend, trafen Jasmine und Ben wieder, lernten viel über die traditionellen Tänze Myanmars und lachten mit Lu Maw, dem einzigen Moustache Brother der Englisch spricht.

Den nächsten Morgen begannen wir mit einem lieblosen Frühstück, dem Hostel-Wechsel, einem Ausflug zum nahegelegenen Markt und einer Stunde Internet-Cafe. Danach waren wir so müde, dass wir uns ersteinmal ein Nickerchen gönnten. Doch vorher verabredeten wir uns noch mit einem Trishaw-Fahrer, der unser Problem mit dem Combo-Ticket schnell verstand und uns versprach, uns zu den unbekannteren Ecken Mandalays zu fahren.

Wir zweifelten ein bißchen an ihm, denn unser erster Stop war ein Gold-Workshop, dessen Besitzer wohl ein guter Freund des Diktators ist, zumindest verrieten uns dies die Bilder an der Wand. Umso schlimmer fanden wir es festzustellen, dass dieser Laden ein beliebter Anlaufpunkt für Touri-Gruppen zu sein scheint. Viele kauften die Billigware aus China für teures geld ohne auch nur einmal daran zu denken, wem das Geld zugute kommt.

Ein bißchen angesäuert stiegen wir wieder in unsere Trishaw und hofften, dass die nächsten Stationen besser sein würden. Wir wurden nicht enttäuscht.

Unser nächster Stop war die Mahamuni Pagoda, wo wir fleißig Wasser über die Buddha-Statue unseres Wochentages gossen und den Männern dabei zuguckten, wie sie dünne Plättchen aus Gold auf den großen Buddha kleben, was Glück bringen soll. Ja, richtig gelesen, nur die Männer dürfen zu der großen Buddha-Statue und so wartete Lara brav mit den anderen Frauen während Chris sich den Buddha aus der Nähe anschaute (ohne Gold draufzukleben, denn das hätten wir ja im Goldladen von dem Regierungsfreund kaufen müssen).

Danach fuhren wir durch ein ärmeres Viertel zu einem Kloster, das komplett aus Teak-Holz erbaut ist. Es ist ein sehr schöner und friedlicher Ort, dessen Ruhe nur durch das summende Gebet der Mönche unterbrochen wurde.

In Mandalay leben übrigens die meisten Mönche und Nonnen des Landes und man sieht sie vor allem in den frühen Morgenstunden beim Reis sammeln.

Die Weiterfahrt am Fluss war sehr angenehm und auch der Stop an einem unbekannten View Point kam uns sehr gelegen. Wir teilten uns eine überteuerte Cola und kommunizierten umständlich mit den Kindern, die ständig über die Mauer zu uns hinüber blinzelten.

So erwies sich unser Trishaw-Fahrer letztendlich doch als Goldstück, denn er erzählte uns hier und da immer mal wieder was über interessante Gebäude oder Landstriche. Obwohl er nur die Middle School beendet hatte war sein Englisch sehr gut und wir gaben ihm am Ende ein dickes Trinkgeld, worüber er sich sichtlich freute.

Für den nächsten und letzten Tag in Mandalay hatten wir Amarapura zu unserem Ziel erkoren. Der Vorort ist vor allem für seine 1,2 km lange Teak-Brücke bekannt, aber nebenbei kann man dort auch sehr gut Longyis shoppen gehen. Longyis sind die knöchellangen Röcke, die in Burma sowohl von Frauen als auch von Männern getragen werden. Natürlich kamen wir nicht dran vorbei und haben jetzt jeder ein Kleidungsstück mehr im Gepäck.

Am Anfang der Brücke wurden wir von einer bildhübschen jungen Frau im Männerjacket angesprochen und sie begleitete uns den ganzen Weg über die Brücke und zurück. Sie erzählte uns, dass sie Botanik studiert, dass sie Englisch und ein paar Brocken Deutsch, Französisch, Spanisch, Italienisch, etc. von den Touristen lernt und dass sie nach ihrem Studium Touristenführerin werden will. Um an der Universität zu studieren muss sie pro Jahr 100 000 kyat zahlen, das sind ungefähr 100$ und für die Menschen hier eine Menge Geld. Sie lebt alleine mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester, die noch zur Schule geht, denn der Vater hat sie verlassen und neu geheiratet. Es war eine angenehme Unterhaltung und wir erfuhren viel über das alltägliche Leben in Myanmar.

Kurz bevor wir die Brücke verließen wurden wir noch von einem jungen Mönch angesprochen, der uns in knappen Worten erzählte, wie furchtbar er die Regierung findet und dass er deswegen auch bei den Demonstrationen 2007 dabei war. Er freue sich, dass wir sein Land besuchen und vor allem, dass wir versuchen wenig Geld ans Militär zu zahlen. Er sprach sehr laut und hatte anscheinend keine Angst, dass seine Beschwerden auch von den falschen Ohren gehört werden.

Auf jeden Fall freute er sich sehr, dass wir ihm zuhörten und lächelte am Ende nur ganz leicht irritiert als wir seinen Wunsch „Good Luck to you“ erwiderten. Unsere neue Freundin klärte uns dann auf, dass es sehr unhöflich sei, einem Mönch viel Glück zu wünschen. Wir schämten uns ganz dolle.

Die Gespräche, von denen wir in diesem Artikel erzählen, sind nur die einprägendsten. Wir haben uns noch mit einem Bootsfahrer und einem Restaurantbesitzer unterhalten und als westlicher Tourist wird man auf der Straße eigentlich ständig angesprochen. Oft hat man das Gefühl, dass einem die Leute einfach das einzige englische Wort, das sie kennen, entgegenschmettern. Manchmal läuft eine Unterhaltung auch wie folgt ab:

Burmese: „Where are you from?“

Wir: „From Germany“

Burmese: „Aaaah…Thank you!“ Lächelt und geht weiter.

Unterwegs werden wir oft angelächelt und viele, nicht nur Kinder, winken uns hinterher. All das verstärkt unseren Glauben daran, dass es nicht falsch war, nach Myanmar zu kommen.

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Comments

  • Uwe aus Wiesbaden

    Feb 18th, 2011

    ich gehe ja mal davon aus dass wir die Bilder in den Röckchen noch sehen werden und ich hoffe doch sehr, das es sich, da es sich ja um ein sehr warmes Land handelt, Miniröcke sind. :)

  • warm hin oder her, in laendern die so stark vom Buddhismus gepraegt sind wie Burma hat man Beinkleider zu tragen, die bis ueber die Knie, besser noch bis zu den Fussknoecheln gehen. Und die Schultern muessen auch bedeckt sein.
    Mein Rock ist so lang, dass ich ihn weit ueber dem bauchnabel binden muss, damit ich nicht drueber stolper :D

  • alex vom bommedol

    Feb 22nd, 2011

    diese longyis verfügen über ein prima belüftungssystem! wart ihr die einzigen deutschen? dann gibts bestimmt ein “stasi”-foto mit euch und den gebrüdern schnurrbart :D

  • Wo wir waren

  • Wo wir sind

    Wir sind wieder zurück in Deutschland .
  • Kuriositäten

    So geschehen am 11.02.2011 auf der Busfahrt von Mandalay nach Bagan
    Wir sitzen gerade während einer Fahrpause mit einem französischen Pärchen bei einer Tasse Tee, als sich der gut gekleidete Burmese neben uns an Lara wendet: "Excuse me, is this man Elvis Presley?" Er zeigt dabei auf Chris und scheint es völlig ernst zu meinen. Als wir seine Frage verneinen bedankt er sich höflich und wendet sich verwirrt wieder seinem Tischnachbarn zu. Fünf Minuten später fragt er Chris verschüchtert, ob er ein Photo von ihm machen darf.
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